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Let‘s go!

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Mai 01 2019

1. Mai,

„Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“

So haben wir das gelernt. Also let‘s kämpf für Frieden und Rechte der ausgebeuteten Arbeiterklasse! Erheben wir den rechten Arm - und lassen uns die Blutdruckmanschette anlegen! Machen wir links eine Faust - und lassen uns zwei Nadeln daneben einstechen! Let’s kämpf! Ich kämpf für den Tausch des Leberwurstbrötchens gegen ein Salamibrötchen! Und für ein fünftes Brötchen! Wofür kann man hier sonst kämpfen? Wir sind ja ziemlich kurz angebunden... Andere kämpfen heute um die besseren Plätze an der Gulaschkanone und beim Platzkonzert.

Die „Neue“ hatte heute zu wenig Selbstvertrauen. Sie war nervös. Vielleicht hätte ich inzwischen rausgehen sollen, damit sie hier drin in Ruhe die Nadeln legen kann? Der Fehler war: sie hat sich nicht getraut, tief genug zu stechen. Ein Millimeter hat gefehlt, dann wäre Blut geflossen - in den Schlauch, wo’s hingehört. Also let’s kämpf, damit das in Zukunft ganz easy geht. Freitag ist ja auch noch und Montag und Mittwoch und Freitag....

 

Ich war gestern auf die Schnelle mit zwei meiner ehemaligen Kindergarten-Busfahrer-Kollegen Kaffee trinken nebenan in der Eisdiele. Alte Zeiten wurden aufgewärmt, „Kennst du das oder das Kind noch?“ und so Sachen. Ich bin gerne Bus gefahren... Aber nun konnte ich erzählen, dass ich grad meine erste Rente auf mein Konto eingezahlt bekommen hab. Die erste Rente... ein schönes Gefühl... beruhigend... Wie hoch ist die Rente ausgefallen? 

Also passt mal auf: Ich bin hier wie ein offenes Buch. Ihr wisst fast alles von mir. Manche sind der Meinung, ich verrate viel zu viel. Aber es gibt Daten, die stehen nicht hier drin: Gehaltshöhe, Rentenhöhe, Kontostände, sexuelle Vorlieben, manche Träume, den Namen meiner heimlichen Freundin, ob ich Steuern hinterziehe, wie ich meine Frau behandle und noch etliche andere Geheimnisse. Die werdet ihr hier nie lesen. Ätsch!

Wie hoch also ist die Rente ausgefallen? Sooo hoch. Es werden am Ende des Geldes sicher noch ein paar Tage übrig bleiben. Aber ein saugutes Gefühl ist es trotzdem, ein regelmäßiges Einkommen zu haben. Nicht mehr als Selbständiger  selbst und ständig von der Hand in den Mund leben müssen, sondern selbst aber nicht mehr ständig nebenbei noch bissel arbeiten, um die übrig bleibenden Tage mit dem Geld zu überbrücken. Den Rest der Zeit träume ich, zahle meine Steuern, behandle meine Frau, genieße den Garten und andere Dinge und so Sachen halt...

Bei dem Kaffeetrinken kam natürlich auch die Frage „Und, wie geht’s dir so?“ Ich muss sagen, mir geht es gut. Die Dialyse ist ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil meiner Wochenplanung geworden, in die Klinik geh ich so normal wie früher in die Fabrik zur Arbeit, die ständige Piekserei ist inzwischen normal, der Allgemeinzustand bessert sich immer mehr und ich bin wesentlich besser drauf als kurz vor der ersten Begegnung mit Daisy. Vielleicht liegt es auch mit daran, dass der Frühling einzieht und die Lebensgeister weckt, doch Ferrlecit und Epo (krieg ich heute wieder) und die freundliche Behandlung und Zuneigung meiner Freundin sind wohl die Hauptursache meines Wohlbefindens.

 

Also, let’s kämpf, dass es so bleibt und besser wird! Ich glaub, heut Nachmittag ist Gartentag, weit ab von Gulaschkanone und Platzkonzert.

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