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Gefährlich nahe

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Feb 22 2019

Samstag, 

nicht mehr Freitag und noch nicht Montag

 

Es ist unglaublich, wie dich manche Ereignisse, Stress oder bestimmte Nachrichten neben der Dialyse mit den tausend Kleinigkeiten und millionen anderen Sachen aus der Bahn werfen können! Das kann eskalieren. Da sitzt du dann vor einem einfachen Formular, das die Behörden von dir wollen und starrst das Papier an und es starrt zurück. Du siehst die Buchstaben darauf und verstehst sogar, was das bedeutet, aber du bist unfähig, etwas damit anzufangen.  Dein Gehirn gehorcht dir nicht mehr. Du zweifelst und verzweifelst. Du schreist dich innerlich an „Bist du blöder Hund jetzt nicht einmal mehr fähig, ein paar Kästchen anzukreuzen und ein paar wenige Angaben zu machen?! Bringst du nun langsam gar nichts mehr zustande?! Hat das Gift in deinem Körper nun auch dein Gehirn erreicht und kaputt gemacht?!“ Inzwischen fängt auch eine Einstichstelle wieder an zu bluten. Sauber machen, abdrücken, Pflaster drauf. Ganz ruhig bleiben dabei, sonst machst du es nur schlimmer. Geschafft! Dann gehst du schlafen, noch wenn es draußen hell ist. 

Nach etwas 12 Stunden Schlaf geht es dir ein wenig besser. Aber du musst raus! Weg! Egal, wohin, nur weg! Es ist fast noch dunkel draußen. Garten! Nach 20 Minuten Fahrt stellst du das Auto ab, schließt auf, gehst rein und schließt die Tür hinter dir zu. Diese Tür hat den Vorteil, dass sie für die anderen draußen nur von innen auf geht. Hier bist du sicher. Jetzt siehst du das ganze Chaos, das der Winter angerichtet hat. Verrottetes Laub, zerrissene Abdeckplane, Mauswurfshügel überall, der alte Wohnwagen noch weiter zerfallen, das Toilettendach vom Sturm abgedeckt, innen alles nass. 

Du siehst das alles - und fühlst dich wohl. Hier bist du zu Hause. Hier auf deinem eigenen Grundstück bist du allein. Du bist du. Endlich. Du stehst mitten auf der verfilzten Wiese, schließt die Augen und spürst, wie ein Strom dich einhüllt und wie eine warme Dusche allen Dreck und die harte Kruste aufweicht und langsam von dir abwäscht. Das tut gut. Unheimlich gut. Du öffnest das Vorzelt, das den Winter über stehen geblieben ist und holst dir einen Stuhl raus, stellst ihn hinten in eine Ecke des Gartens und setzt dich. Setzen, zur Ruhe kommen, den ganzen angesammelten Stress und alles, was so unheimlich viel Kraft gekostet hat, draußen lassen, vor der Tür. Du sitzt einfach da. Eine Stunde oder länger. Jetzt siehst du auch die Schneeglöckchen am Gartenzaun und wie sie dir zuwinken „Willkommen daheim!“ Ja, daheim. Du gehst hin, sie näher zu betrachten, streichelst sie sanft. Du pflückst Dir ein paar von den frischen Petersilie-Stängel, die im Hochbeet schon wachsen. Jetzt hast du auch Muse, hier und da einen Handgriff zu arbeiten, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen. Doch immer wieder zieht es dich zu dem Stuhl, zum Ruhen. Innerlich und äußerlich.

Du wirst bleiben, bis es dunkel wird. Oder bis dir die Kälte an den Beinen hoch kriecht. Und du weißt: Irgendwann musst du wieder zurück. Dort wartet das Formular wieder auf dich. 

 

Aber das ist wohl das kleinste Problem. Es könnte auch der Folgeauftrag deiner Kundin sein. Oder der anstehende Anruf beim Vermieter. Oder auch nur der Stapel unaufgeräumter Dokumente auf dem Schreibtisch. Oder etwas anderes.

 

 

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